Texte

MIRIAM LENK- ELAN VITAL

I. Zentrale Gestalt in Miriam Lenks Vorstellungswelt ist ein weiblicher Archetyp; überdimensionierten, schwellenden Leibes, Produkt einer wild wuchernden Natur, die nur den Eros kennt, einer ewig schwangeren und schwängernden Welt – letztlich eine moderne Vision unserer prähistorischen Idole, die fast nur Bauch sind. Dieser Archetyp steht nicht isoliert, sondern ist Teil eines von uns nicht steuerbaren Naturgeschehens, dessen Erfahrung uns eine Ahnung von der alle menschliche Vorstellungskraft übersteigenden Dimension des kosmischen Gesamtgefüges vermittelt.

Lenk begreift ihr eigenes schöpferisches Arbeiten als einen vergleichbaren Parallelismus zu den formenden Kräften der Natur. Ihre Frauenakte erscheinen entweder als kleinteilige Elemente im großen Fluss des Naturgeschehens oder, aus diesem herauswachsend, als mächtige, in sich geschlossene Gefühlsräume, Zeugnisse ungezügelter Lebenslust, einer hemmungslosen Vitalität und Erotik, vorgetragen in einem Furor, der die treibenden Urkräfte der Natur aufruft.

Ihr instinkthaft wilder Vortrag basiert auf einer Entwicklung, die 2009, zwei Jahre nach ihrem Hochschulabgang, einsetzt. Ausgehend von psychisch-automatischen Kritzeleien, Zeichnungen zum Beispiel, die absichtslos während eines Telefonats nebenher entstehen, entdeckt sie eine fraglos vorhandene, naturgegebene Lebensdynamik, die generell in allen Lebewesen und Dingen steckt und alles mit allem verbindet, gleichsam eine Totalität, in die wir alle ungeachtet unserer spezifischen Erscheinung eingebunden sind. Erstmals hat der französische Philosoph Henri Bergson mit seinem Begriff des „élan vital“ auf diesen, dem gesamten Kosmos innewohnenden Lebendrang hingewiesen und damit dem Surrealismus den entscheidenden geistigen Impuls geliefert. Rainer Beck

„Ich hatte die Idee vom Tempel einer polytheistischen, sinnenfrohen Gegenkultur nach dem Kampf der Geschlechter: post-patriarchalisch und post-feministisch. Die weibliche Sexualität muss nicht mehr verweigert werden, sie wird im Idealfall zweckfrei genossen und gefeiert. Die Göttin ist ihr eigener Tempel, der aus einer wild wuchernden belebten Natur heranwächst. Ein Tempel, der die Weiblichkeit auch auf übersteigerte, ironische Weise feiert.

Ein schlanker, muskulöser Körper ist ein zentrales Schönheitsideal der Gegenwart, das uns als Vorbild in Filmen und der Werbung begegnet. Menschen sollen nach dieser modischen Idee so trainiert sein, dass die Muskeln hervortreten. Galt solches zuerst für Männer, so hat diese Vorstellung zunehmend auch das weibliche Geschlecht erreicht, wobei in jüngster Zeit bei ihnen wieder mehr Rundungen gewünscht sind. Entgegen dem Wahn schlank geformter Weiblichkeit gibt es damit eine kleine Revolte, denn auch dicke Frauen (euphemistisch nennt man sie „curvy“) bekommen in TV-Shows und Segmenten der Werbung derzeit eine Chance. Die Zahl der Übergewichtigen ist einfach zu groß, als dass man sie als Marktteilnehmerinnen ganz aus Acht lassen dürfte.

Ein Blick zurück ins Jungpäolithikum und die Kultur des Gravettien (ca. 35000 bis 24000 Jahren vor Chr.) zeigt mit Kleinskulpturen, so der Venus von Willendorf oder der Venus von Hohlefels, dass beleibte, geradezu fette Frauen den frühen Menschen besser gefielen als dünne Twiggy-Typen oder durchtrainierte Frauengestalten. Die Gründe dafür liegen vermutlich in frühzeitlichen Fruchtbartkeitsvorstellungen.

Das Frauenbild, das uns die Bildhauerin Miriam Lenk mit ihrer Kunst vermittelt, ist demnach eines, das zwar aus der Zeit zu fallen scheint, jedoch dabei zugleich eine besondere Zukunft hat. Ihre fülligen Frauen sind dermaßen überquellend, dass solche Üppigkeit fast schon als Norm- und Regelverstoß gelten kann. An diesen Leibern ist einfach viel zu viel, wie auch an den fantastisch in sich verdrehten, verschlungenen und aus sich herauswachsenden Säulenformen der Künstlerin. Dieses ZU VIEL an schwellendem Fleisch, Speck, Falten oder Mutationen scheint sich wie selbsttätig zu geschehen und wirkt demnach so ungebremst wie unbegrenzt. Dies macht jenen Angst (vermutlich vor allem Männern), denen Kontrolle viel bedeutet, und doch liegt gerade in diesem mit aller Macht „über die Ufer treten“ zuallererst ein Ausdruck unbändiger Lebendigkeit!

Die hemmungslose Vitalität, die Miriam Lenk in ihrem plastischen Werk inszeniert, widerspricht also den heute abverlangten Vorstellungen von Selbstdisziplin und Kontrolle – mithin auch jenen einer modischen Schönheit: ihre voluminösen Wesen wirken deshalb wie einer anderen Kultur zugehörig – einer Kultur, wo man Göttinnen verehrte und das Übervolle als Leben spendend feierte. Gerade wegen solch lustvoller Vitalität und Hemmungslosigkeit, die sich moderner Normierung entzieht, berührt Lenks Kunst so tief, dass sie damit auch irritiert.

Lenk orientiert sich nicht am Mainstream, sondern entwickelt ihre Werk auf der Basis von künstlerischer Eigenständigkeit und Eigenwilligkeit. Mit ihrer radikalen Position polarisiert sie, und so teilt sich die Zuschauerschaft in jene, die sich für so viel Fleischeslust begeistern und andere, die sich von den auch Erotik darstellenden Skulpturen mehr weniger erschrocken und brüsk abwenden. In ihrer Kunst begegnet uns mithin eine besondere From der Radikalität. Es ist eine die Grenzen sprengende Kraft, die dadurch entsteht, dass ihre Gestaltungen (und Gestalten) nach individuellen, nicht nach konventionellen Regeln erbaut werden und Form annehmen. Damit entsteht künstlerische Freiheit und Selbstbehauptung, die nicht nach Konformität fragt. Peter Funken

Miriam Lenk Skulpturen

„Unser Blick auf das Individuum ist in der westlichen Zivilisation von allerhand Idealen verstellt: der asketische Körper des antiken Sportlers, der geschundene Leib Christi und Maria, die mädchenhafte, entsexualisierte Mutter Gottes. Alles das ist Ausdruck einer seit der Klassik ersehnten Übereinkunft von Sinnlichkeit, Vernunft und Humanität und spiegelt ein Ideal wider – die Wirklichkeit ist es nicht.

Die Bildhauerin Miriam Lenk setzt sich als künstlerisches Thema ein Antiideal humanistischer Bürgerlichkeit und stellt es in den Mittelpunkt ihres Werks. Sie hat ein Lustbild des Menschlichen geschaffen, das zwischen überquellender Schwere und leichter Wohligkeit oszilliert, sowohl einnehmend als auch irritierend ist. Diese voluminösen, weiblichen, schwellenden Formungen ihrer Figuren treten in einem Klima zeitgenössischer Fleischfeindlichkeit in Erscheinung, an dem der arbeitssame, geduldig sich in die Geschicke der politischen Geschehnisse unterordnende Staatsbürger in Europa Hochkonjunktur hat.

Lenks Figur changiert zwischen Gegensätzlichkeiten: Schwer und leicht, glatt und gefaltet, proportioniert und gleichzeitig grotesk und manieriert. Mit diesem Wechselspiel lässt die Künstlerin die barocke Bildsprache aufleben und verweist auf eine der widersprüchlichsten Epochen. Der Barock ist nicht nur das Zeitalter übervoller Ornamentierung, sondern eines des Aufbruchs, der Erfindungen, der Philosophie und Naturwissenschaft. Dieser Gegensatz ist in der höfischen barocken Kunst und Architektur beispielhaft verkörpert(…)

Ulrike Pennewitz 2015